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Einleitende Reflexionen

Zur Einleitung und zur Erläuterung der fachlichen Prämissen unserer Iran-Arbeit drucken wir nachfolgend einen kurzen allgemeinen, bisher unveröffentlichten Text ab. 

Krisen und Versagensängste: Destruktion oder Revolution?

„Wir haben eine schreckliche Angst durchgemacht.

Das Verschwinden des sowjetischen Feindes, mit dem wir, als unserem Schreckbild, seit fün­f­und­vierzig Jah­ren fest rechnen konnten, hatte die Demokratien in tiefe Schwermut ge­stürzt. Was wird Rom ohne seine Feinde sein? spöttelte Cato nach der Zerstörung Kartha­gos. Wir konnten uns die gleiche beängstigende Frage stellen. Man erinnere sich der gro­ßen Verwir­rung angesichts des Falls der Berliner Mauer, dieser Angstempfindung, dass wir Tod und Ge­fahr nunmehr nur noch von uns selbst zu befürchten hätten. Ein Pro­vokateur verschlim­merte das Unbehagen noch, als er, Hegel zum zweiten Mal in seinem Grab umdre­hend, den Anbruch der weltweiten Demokratie und das Ende der Geschichte verkündete. Zum Glück eilten ein paar besonnene Leute herbei, um uns, gestützt auf ihre militante Ver­gangenheit, zu versichern, dass noch nicht alle Hoffnung verloren sei: »Das Drama liegt noch vor uns.« Das Schlimmste blieb, leider aber kei­nesfalls ganz sicher, dennoch wahr­scheinlich. Bedro­hung, Krieg, kurz, das Leben, sollten uns alsbald zu­rückgegeben werden.

Es dauerte nicht lange, um zu erkennen, dass sie recht hatten. Eine große Militäroperation der Ame­rikaner in Panama, schwere Unruhen im sowjetischen Aserbaid­schan, eine nie da­ gewe­sene Se­rie blutiger Konflikte in Afrika und vor allem natürlich die Invasion Kuwaits kün­deten von der gu­ten Nachricht: ein Feind ward uns neuer­lich geboren.“                            Rufin (1993: 13)

So beginnt Rufin sein Aufsehen erregendes Buch über Das Reich und die neuen Bar­ba­ren, in dem er die Gefahren, die Europa durch sich selbst drohen, mit historischen Parallelen zum Zer­fall des Römischen Imperi­ums aufzeigt: Es droht eine neuer Limes, die Abschottung Eu­ropas vor dem Rest der Welt, den (neuen) Barbaren.

Nicht nur, dass dieses Konzept Konflikte nur begrenzt zeitlich hinausschieben kann, es droht vor al­lem an sei­nen inneren Widersprüchen zu scheitern. Materielle Abgrenzung und Abschot­tung eines Ge­bietes der Demokra­tie, des Menschenrechtes und des Wohlstandes lässt sich nur durch in­nere, ideologi­sche Ab­schottung und Abgren­zung, d.h. also durch die bewusste Inkauf­nahme von Stereotypen, Feind­bildern und Selbstüberhöhungen legitimie­ren und durchsetzen, die im funda­mentalen inneren Wider­spruch zu den Werten stehen, die eigentlich gerade verteidigt und be­wahrt werden sollten. Und an die­sen Widersprü­chen droht Europa innerlich zu zerbre­chen. Das Ende der bipolaren Weltsicht nach dem Ende des West-Ost-Konfliktes leitet also ge­rade nicht das Ende der Geschichte (Fukuyama 1992) ein, sondern die Notwendigkeit, sich durch die West-Ost-Stereo­typen nur überdeckte und überlagerte Stereotypen in einer Weltgesell­schaft zu ver­gegenwärtigen, die ein realistischeres Bild vom Weltsystem – wie es z.B. Wallerst­ein (1974) in sinnvoller Weiterent­wicklung der Dritte-Welt-, Imperialis­mus- und ›dependencia‹-Theorien der 60er Jahre, die noch in der unmittelbaren theoretischen Abhängigkeit der marxisti­schen politi­schen Ökonomie stehen, mit der Weltsystemtheorie anstößt – ermöglichen können.

Dieser Versuch eines Paradigmenwechsels muss, um politisch wirksam werden zu können, trans­formiert wer­den in politische Diskurse in der Öffentlichkeit. Dass dies nicht hinreichend oder erst in kaum erkennbaren Ansät­zen geschieht, zeigt die Zunahme lokale und regionaler Konflikte und die Zu­nahme eines allgemeinen ‚Ge­fühls der Unsicherheit‘.

Damit wird dieser Versuch eines Paradigmen­wechsels zu einer der zentralen Aufgaben der Politi­schen Bildung. Festzustellen ist aber, dass die Politische Bildung im herkömmlichen Sinne als Systemlehre oder Staatsdidak­tik nicht hinreicht, den gewandelten Anforderungen der Realität gerecht zu wer­den. So steht auch die Politische Bildung vor der Aufgabe den Versuch eines Pa­radigmenwech­sels zu wagen. Dabei ist von einer strukturellen und funktionalen Parallelität der Veränderungen von poli­tisch-ge­sell­schaftswis­senschaftlicher Theorie und gesellschaftswissen­schaftlicher Fachdidaktik auszuge­hen. Die Verschrän­kung dieser Ansätze hat Claußen (1995: 10) sehr deutlich herausge­arbei­tet:

„Der offensichtliche Wandel der Systemvorurteile tangiert die rassischen, völkischen und na­ti­ona­len Vorur­teile bestenfalls mittelbar. Wenn nicht auch diese wirksam bearbeitet wer­den, vergrö­ßert sich die ohnehin bestehende Gefahr, daß nur ausgewählte Staaten oder Völ­ker in den Genus der durch die Ent­spannungs­poli­tik bewirkten Produktivität gelangen. Schon jetzt ist offensichtlich, daß die Sympathien in erster Linie denen zugute kommen, mit denen schon zu Zeiten vor Beginn des Ost-West-Konflikts freund­schaftliche Be­ziehun­gen bestanden. Überdies bewirken die Erosionen im Osten weniger eine rationale Aus­einander­set­zung mit der Vergan­genheit und den früheren System­gegensät­zen, sondern eher eine primitive Verstärkung und Ausdeh­nung von Vorurteilen gegenüber dem So­zialismus schlechthin und eine Uferlosigkeit von Posi­tivvorurteilen gegenüber dem Kapita­lismus. Der Umgang mit Menschen aus den neuen Bundesländern und der ökonomi­sche Wild­wuchs in Ost-Euro­pa liefern dafür etliche Beispiele.

Politische Bildung muß mit den ihr eigenen Mitteln daher weiterhin auf den Abbau von Vor­ur­tei­len hinwir­ken. Dabei reichen in der Gegenwart weniger denn je die traditionellen Mo­da­litä­ten der Aufklärung, wie­wohl sie auch weiterhin unverzichtbar sind: Darbietung von Kon­trastinforma­tio­nen, Ursachenauf­deckung, Hypothesenbildung zu Folgen. Wenig­stens zweierlei muß hinzukom­men: er­stens die Anbahnung sinnlich-konkreter Erlebnisse im humanen Um­gang mit Fremden und Fremd­heit jedweder Art, zweitens der Auf­bau von ge­nerellen Per­sön­lichkeitsstrukturen, die ge­gen Vorur­teile oder zumindest gegen deren Extre­mi­sierung und Ver­krustung immunisieren.

Die Minimierung von Ost-West-Vorurteilen gerät damit nicht zum alleinigen Zweck des Vor­ur­teile-Ab­baus in der Politischen Bildung, sondern zu dessen Exemplum. Wie wichtig das ist, läßt sich an der Ent­wicklung des Ost-West-Konflikts ablesen. In ihm nämlich hat sich eine schon vor langem eingeleitete Kon­vergenz auf der Grundlage eines dem real exi­stierenden So­zialismus und dem Ka­pi­ta­lismus gemeinsamen industrialisti­schen Zivilisati­onsmodells allmäh­lich verwirklicht.“ (Hervorhebungen B.C.)

Die Interpretation der weltgesellschaftlichen Veränderungen in der Dialektik der Globalisierungs­prozes­se einer­seits und der Zerfallsprozesse innerhalb von Staaten

  • Individualisierungsprozesse,

  • Fraktionierungsprozesse und

  • Formen und Erscheinungen des „Staatsversagens“

angerissen werden können, fordert, den schon angedeuteten Paradigmenwechsel in der Wissen­schaft, der mit den Namen Elias (Arbeiten zur Zivilisationstheorie, unter anderem 1990 und Elias/Scotson 1993), Geertz (1983) oder Wallerstein (unter anderem 1974) verbunden ist und der vor allem die Pro­zesshaftigkeit des Gesellschaft­lichen – Machtbalancen, Interdependenzen und Differenzen – in den Vordergrund rückt, auch für die Politische Bildung fruchtbar zu machen.

Die Fachdidaktik der Gesellschafts- und Politikwissenschaften muss sich diesen Verände­run­gen stel­len und selbst einen Paradigmenwandel einleiten – wie er von Claußen (1993b: 61-62) aus­drücklich einge­fordert wird –, der Curriculare und didaktisch-stoffliche Herleitungen von »Lehr- und Lernzielen« ersetzt durch prozessuale Themen- und Problemzugänge im Sinne einer – wohlver­standenen – perma­nenten Cur­riculumrevision, die nicht mehr staatsapologetisch ›von Oben verord­net‹ ist, sondern sich aus den gesell­schaftlichen Diskursen über die gesell­schaftliche Realität heraus entwickelt, kontextuell die Schule ebenso einbindet wie die Fachwis­senschaft und die Fachdidaktik.

Dieser Paradigmenwandel wird in der schulischen Realität schwer umzusetzen sein; Ängste, Behar­rungsten­denzen und Strukturdefizite stehen dem ebenso entgegen wie politische Interes­sen. Dennoch sind gerade in dieser Situation theoretische Grundierungen, die dennoch auf eine Ver­än­derung der Pra­xis hin­zielen, als Anstöße der Fachdidaktik notwendig, um Diskurse anzu­stoßen und in herrschenden Diskurskon­texten Ansprüche auf wissen­schaftsorientierte, rationale Situati­ons- und Realitätsdefinitio­nen durchzu­setzen und der herrschende Definiti­ons­macht Ge­genströ­mungen ent­gegen zu setzen.

In dieser Untersuchung soll versucht werden, die Parallelität der prozessualen Interdepen­denz ei­ner in den öffentlichen und veröffentlichen Diskursen als bedeutsam und kontrovers aus­gewiese­nen Thematik, die regional und sozial in den schon als besonders bezeichnend für die Prozesshaf­tigkeit der Weltsyste­mentwicklung beschriebe­nen Bereich der Semiperipherien ver­weist, in denen die signifikanten und wider­sprüchlichen Transformationspro­zesse ablaufen, ver­weist – die Islami­sche Revolution in Iran –, mit den Möglichkeiten ihrer didaktischen Aufberei­tung im pro­zessualen Kontext jeweils mit Rekurs auf den zentra­len Begriff der Diskurse plausi­bel zu machen, was dem didaktischen Ansatz tendenziell ei­nen selbstrefe­rentiellen Bedeutungs­maßstab zumeist, der auf Dis­kurse gründet, deren Bestandteil die Didaktik ebenso ist, wie die Fachwissenschaft.

Gerhard Voigt, 1995/2009

   
   

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bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 1995.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

   
   

 

     
   

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Stand: 08.04.2011

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